Island, April 2013 – Reisebericht

Langsam glitt die Norröna durch den Fjord auf Seydisfjördur zu. Endlich! Durch die schlechte Wetterlage erreichten wir Island mit ca. 7 Stunden Verspätung. Das Ziel dieser Reise waren die Westfjorde. Nicht gerade passend dazu die Reisezeit: April.

Ich fuhr meinen Defender von Bord und direkt nach Egilsstadir, um einige Einkäufe zu tätigen. Nach einem anschließenden Meinungsaustausch mit einigen Reisenden, die ich auf der Norröna (Name der Fähre) kennengelernt hatte, ging es los. Mittlerweile war später Nachmittag.

Über die Ringstrasse 1 fuhr ich zuerst die ca. 160 km zum Myvatn (-See). In dem sehr schönen Bistro „Gamli“ traf ich Sabine und Thomas aus Österreich. Ich hatte das nette Paar ebenfalls während der Überfahrt auf der Norröna kennengelernt. Die beiden waren mit einem Allrad-Transporter unterwegs.

Gestärkt durch Kaffee und die Pause wollte ich an diesem Tag noch einige Kilometer in Richtung Westfjorde „gutmachen“, zumal die Straßenverhältnisse an diesem Abend sehr gut waren.

Auf der Ringstrasse 1 erschien gegen Mitternacht die Silhouette von Akureyri, der nach Reykjavik und dessen beiden Vororten der viertgrößten Stadt Islands mit ca. 19.000 Einwohnern. Auf der gegenüberliegenden Fjordseite machte ich bei einigen Grad unter Null und heftigem Wind eine Fotopause. Eine halbe Stunde später waren die Fotos „im Kasten“ und meine Finger steifgefroren.

Ich tankte in Akureyri und fuhr mit einem heißen Kaffee bewaffnet noch ca. 150 km weiter Richtung Westen. Als die Müdigkeit zu groß wurde, übernachtete ich direkt neben der Ringstrasse (ich schlafe auf Wintertouren immer im Defender).

Am nächsten Morgen prasselte etwas lautstark gegen meinen Wagen. Schlagartig war ich hellwach. Die restliche Nacht hatte es stark geschneit und ein Räumfahrzeug hatte jetzt die Schneemassen gegen meinen Wagen geschleudert. 5 Minuten später saß ich wieder hinter dem Steuer und erreichte, nach einem ausgedehnten Schwimmbadbesuch, gegen Mittag den Ort Holmavik in den Westfjorden. In nahezu jedem kleinen Ort gibt es ein Freibad. Das Wasser ist immer sehr warm! Eine willkommene Abwechslung und ein tolles Erlebnis – besonders schön bei Sturm oder Schneetreiben.

Blauer Himmel, Sonne und eine für die kommenden zwei Tage gute Wetterprognose stimmten mich optimistisch. Ich sah mir den Ort Holmavik an, tankte noch einmal voll und checkte erneut online via Smartphone den Wetterbericht und die Straßenverhältnisse. Alles sah gut aus. Mein Ziel für diesen Tag: Nordurfjördur, eine kleine Ortschaft mit vielleicht 12 Häusern und einem kleinen Hotel, ca. 115 km Fahrstrecke von Holmavik entfernt. Nordurfjördur ist jeden Winter für Monate von der Außenwelt abgeschnitten.

Nach ca. 10 Kilometern auf Asphalt begann die Piste. Zuerst eine Mischung aus Matsch und Schnee, später mehr und mehr Schnee. Traumhaftes Wetter, eine beeindruckende Kulisse aus Fjorden, Steilküsten, Bergen und unberührtem Schnee. Stunde um Stunde fuhr ich entlang der Fjorde Richtung Norden und legte dabei zahlreiche Fotopausen ein. Die Piste in dieser grandiosen Landschaft wurde immer anspruchsvoller. Zwischenzeitig hatte ich Schneeketten aufgezogen. Immer öfter musste ich auf vereistem Untergrund Steigungen und Gefälle sehr dicht am Abhang fahren. Gegen Abend setzte starker Schneefall ein. Die Sicht betrug nur noch wenige Meter. Langsam tastete ich mich voran und erreichte gegen 23 Uhr mein Ziel. Vor einigen Häusern standen Fahrzeuge. Diese waren jedoch seit längerer Zeit nicht bewegt worden. Hohe Schneeverwehungen deuteten darauf hin. Ich stellte meinen Wagen ab, machte mir noch etwas zu Essen und legte mich Schlafen.

Gegen 4 Uhr wachte ich auf. Starke Winde mit Schnee- und Hagelschauern brachten meinen Wagen zum Wanken. Ich beschloss umzuparken, um zumindest noch einige Stunden weiterschlafen zu können. Am Ende der Bucht, nur ca. 350 m entfernt, hatte ich ein größeres Gebäude ausgemacht. Hinter diesem Haus wollte ich meinen Wagen im Windschatten abstellen. Ich fuhr langsam durch das Schneetreiben in die Richtung. Auf der Fahrerseite Fels, rechts das Wasser. Plötzlich sackte mein Wagen ruckartig vorn links tief weg, neigte sich auf die linke Seite und saß fest. Ich war geradewegs in den Anfang eines Grabens gefahren, der durch den Schnee nicht ersichtlich war. Die Fahrertür ließ sich nicht mehr öffnen, da der Wagen mit der linken Seite auf dem Schnee auflag. Ich krabbelte nach hinten, wuchtetet die Hecktür auf – und stand bis zum Bauch im Schnee. Eine Bö knallte die Hecktür wieder zu. Dabei traf die untere spitze Ecke der Hecktür meine Hüfte. Eis zum Kühlen hatte ich ja reichlich …

Kurze Schadenbegutachtung: Der Defender saß fest. Ohne fremde Hilfe würde ich da nicht wieder herauskommen. Am Fahrzeug waren keine Schäden zu erkennen. Ich war langsam gefahren und „weich gelandet“. Was hatte ich falsch gemacht? Der Graben war nicht zu erkennen gewesen. Die Oberfläche hatte die gleiche Höhe und Struktur wie die Strasse. Der Schnee hatte alles angeglichen.  Ich lief zu dem kleinen Hafen am Ende der Bucht und entdeckte ein offenes und beheiztes Toilettengebäude mit warmem Wasser. In dieser Situation: Treffer, Hauptgewinn! In Verbindung mit meinem Proviant und meinem Equipment hätte ich dort Tage und Wochen ausharren können. Wollte ich aber nicht. Jetzt ging es mir jedoch deutlich besser.

Es gab keine Anzeichen dafür, dass hier Menschen waren. Mit 2 Ausnahmen: Vor dem Toilettenhaus war der Schnee niedergetreten und die Strasse was erst vor kurzer Zeit von schwerem Gerät vom Schnee geräumt worden. Was mich jetzt interessierte, war das „schwere Gerät“. Wo war mein Handy und … hatte ich hier überhaupt Empfang? Ich lief zurück zum Wagen, kletterte mühsam über die Hecktür ins Wageninnere und begann zu suchen. Ich fand das Handy schließlich im Fußraum auf der Fahrerseite. Überhaupt sah es im Wagen (für mich sehr ungewöhnlich) recht chaotisch aus. Alles war nach links gefallen. 

Ich hatte Handyempfang und einen vollen Akku. Der Sturm hatte nachgelassen und zuvor den meisten Schnee von der Strasse geweht. Mittlerweile war es hell. Nach einer Weile wählte ich die Notrufnummer 112 um in Erfahrung zu bringen, ob die Strasse regelmäßig von einem Räumfahrzeug befahren wird.

 Auszug aus dem Telefonat, welches auf Englisch geführt wurde:

 „Hier Notrufzentrale Island.“  –  „Hallo, können Sie mir vielleicht weiterhelfen, ich würde gern wissen …“

„Wie ist Ihr Name?“  –  „Jörg Winterfeldt“

 “Wo sind Sie?”  –  „In Nordurfjördur“

„Wo sind Sie??“  –  „In Nordurfjördur, ca. 100 km nördlich von Holmavik – Westfjorde“

„Geben Sie mir Ihre GPS-Koordinaten!“  –  Ich lese die Daten vom Navi ab.

Auf der anderen Seite Pause, dann:

„Sie sind in Nordurfjördur!!!“  –  „äh-ja“

„Da sind Sie ziemlich allein! Ich verbinde mit der örtlichen Polizei.“

…   …

 „Polizei, was gibt es?“  –  „Hallo, dieser Anruf ist kein Notruf. Ich bin gerade in Nordurfjördur und würde gern wissen, ob die Strasse hier regelmäßig geräumt wird. Ich bräuchte gelegentlich ein schweres Fahrzeug, welches meinen Geländewagen aus dem Schnee ziehen kann.“

„aha“

 … …

 „Gülar schläft bis 8:30 Uhr!“  –  „wie bitte?“

„Gülar hat das kleine Hotel am Ende der Bucht und einen Traktor – aber er schläft immer bis 8:30 Uhr.“

Mittlerweile war es ca. 7 Uhr.

„Geben Sie mir Ihre Telefonnummer!“

 

Ich gab meine Handynummer durch. Eine halbe Stunde später klingelte mein Telefon:

„Guten Morgen, Du hast ein Problem?“  –  Ich freudig: „Gülar??“

„Nein, Gülar schläft immer bis 8:30 Uhr, aber ich bin gleich da …“

 

Wenige Minuten später tauchte aus dem Nichts ein Geländewagen auf.

 „Hallo, guten Tag, wir haben da einen Graben angelegt …“  –  „Jaaa, habe ich schon gemerkt …“

 

Der Fahrer des Geländewagens zeigte zum anderen Ende der Bucht:

„Da kommt ein Radlader, der räumt hier täglich den Schnee, ich habe ihn angerufen. Das haben wir gleich.“

 

Zwischenzeitig erschien ein zweiter Geländewagen. Ein Wagen sicherte meinen Defender am Zugmaul der Frontstoßstange gegen seitliches Wegkippen während der Radlader mich rückwärts am Zugmaul der Dixon Bate Kupplung aus dem Graben zog.

 „Gutes Auto, gute Bergepunkte …“

Ich war wieder frei! Ein Satz neue Schneeketten und zwei Flaschen Scotch wechselten den Besitzer. Danke, Jungs!!! Ich machte mir am Hafen Frühstück und unterhielt mich noch eine Weile mit dem Fahrer des Radladers. Er hatte gerade Urlaub in Las Vegas gemacht. Mehr Kontrastprogramm geht nicht.

Der Wetterbericht für den Tag war gut, lediglich durch den über Nacht gefallenen Neuschnee konnte es an Steigungen etwas haarig werden. Gegen 10 Uhr machte ich mich auf den Rückweg nach Holmavik, wo ich am Nachmittag ankam. Hier gab es im Bistro des örtlichen Supermarktes erst mal (den weltbesten) Fisch mit Pommes. Kurzer Tankstopp, dann machte ich mich auf der „61“ auf den Weg nach Reykjanes, wo ich im Schwimmbad via Handy mit Thorsten verabredet war. Ich kannte Thorsten von früheren Islandreisen. Mit seinem VW-Bus T3 syncro hat er bereits 16 Reisen nach Island unternommen. Der heiße Außenpool tat richtig gut. Anschließend fuhren wir gemeinsam zu einem Übernachtungsplatz.

Am nächsten Morgen startete Thorsten eine Stunde vor mir. Ich fuhr über Isafjördur nach Pingeyri und schaute mir beide Orte an. Zwischendurch checkte ich immer wieder den Wetterbericht. Die nächsten Tage sollten sehr schneereich werden. Ich fasste den Entschluss, das Vorhaben Westfjorde vorzeitig abzubrechen und mit der Fähre über den Breidafjördur nach Stykkishölmur zu fahren. Dazu musste ich allerdings zuvor noch einen Pass überqueren …

Als ich den Pass erreichte schien alles noch in bester Ordnung zu sein. Meter um Meter fuhr ich langsam auf ca. 400 Höhenmeter, als es zu schneien begann. Urplötzlich kam eine weiße Wand auf mich zu. Mit ungeheurer Wucht traf sie meinen Wagen. Ich stand sofort. Der Wagen zitterte in den Böen und innerhalb von Sekunden waren die Scheibenwischer nicht mehr in der Lage, die Windschutzscheibe freizuhalten. An ein Öffnen der Türen war nicht zu denken. Rechts hatte ich den Fels, links den tiefen Abgrund. Zum Glück stand ich direkt am Fels. Innerhalb einer halben Stunde fiel ca. 30-40 cm Schnee. Was tun? Ich checkte kurz durch: Tank? – voll! Heizung? – läuft! Verpflegung? – reichlich! Ich hätte dort, sofern mich der Wind nicht von der Strasse blasen würde, lange ausharren können. Wollte ich aber nicht.

Ich rief Thorsten an. Ja, er war die gleiche Strecke gefahren, allerdings eine Stunde vor mir. Jetzt kämpfte er auf der anderen Seite des Passes mit dem Schnee, kam aber noch gut voran. Ich schaltete zusätzlich zu meinem Licht meinen Arbeitsscheinwerfer und die Nebelschlussleuchte ein. Nicht dass mich ein Räumfahrzeug noch für einen Schneehaufen hielt. Nach ca. einer dreiviertel Stunde ließ der Sturm etwas nach und ich sah einen Schatten neben meiner Tür. Ein riesiger Reifen mit einem Kettennetz. Eine super Kombination! Der Reifen gehörte zu einem gewaltigen Räumfahrzeug, welches den Pass in entgegengesetzter Richtung befuhr. Der Fahrer gestikulierte wild herum, sollte bedeuten: Umdrehen, wenden, mir folgen …

Mein Defender hat einen extrem großen Wendekreis, hier war die Strasse schmaler als mein Auto lang. Es begann ein Wendemanöver im Schneesturm, wobei der Fahrer des Räumfahrzeuges mir Zeichen gab. Mit etlichem Voraus- und Zurückrangieren, wobei meine Frontstoßstange gefährlich über dem Abgrund hing, gelang schließlich das Manöver. Irgendwie war mir richtig warm …

Das war es also mit dem Pass. Ich folgte dem Räumfahrzeug ins Tal und fuhr die gesamte Route wieder zurück nach Holmavik, wo ich in der Nacht eintraf. Dort stellte ich mich zum Übernachten vor das örtliche Schwimmbad. Kurze Zeit später erschienen die beiden Österreicher von der Fähre, Sabine und Thomas. Wir unterhielten uns noch kurz und dann kippte ich nur noch in die Koje.

Am nächsten Morgen fuhr ich Richtung Süden, vorbei an Reykjavik mit dem Ziel Porsmörk. Dort angekommen, wurde mir wieder klar, dass der April des Jahres 2013 „winterlicher“, als in den Vorjahren war. Die Furten, die ich in anderen Jahren problemlos durchfahren konnte, waren reißende Flüsse. Keine Chance für einen Defender. Ich verließ die Porsmörk und fuhr nach einem Zwischenstopp im Schwimmbad zur Gletscherlagune Jökulsarlon, wo ich in der Nacht eintraf. Hier blieb ich bis zum späten Nachmittag des nächsten Tages. In der Lagune war mehr Eis als zu der Jahreszeit üblich. Zahlreiche Seehunde und Robben konnte ich ausmachen.

Am Nachmittag setzte ich meine Fahrt mit dem Ziel Egilsstadir fort. Aufgrund einsetzenden Schneetreibens fuhr ich sehr langsam. Da der Öxi (-Pass) aufgrund des Wetters gesperrt war, musste ich im Osten Islands alle Fjorde umfahren.  Nach einer kurzen Nacht in Egilsstadir fuhr ich, da ich durch den vorzeitigen Abbruch auf den Westfjorden noch zwei Tage Zeit hatte, erneut über die 1 zum Myvatn in eines der wohl schönsten Naturbäder, dem Myvatn Nature Bath. Anschließend besuchte ich noch den Ort Husavik, ca. 55 km weiter nördlich. Husavik ist als Ausgangshafen für Walbeobachtungsfahrten bekannt. Ich übernachtete am Myvatn und fuhr am nächsten Tag nach einem Tankstopp die vereiste und verschneite 1 zurück nach Egilsstadir. Dort standen der Besuch des Schwimmbades, Essen gehen und Einkaufen für die Rückfahrt mit der Norröna auf dem Programm.

Die letzte Nacht dieser Islandreise verbrachte ich auf der Nordseite des Fjordes in Seydisfjördur, mit einem traumhaften Blick auf den Fjord, die Berge und das nächtliche Seydisfjördur. Am Morgen frühstückte ich, packte alles für die Fähre zusammen und traf auf dem Weg dorthin Helmut, der ebenfalls mit seinem 110er Defender Island bereiste. Helmuts Defender ist der bestgepflegte Defender weltweit. Wir hatten uns bereits zuvor auf der Norröna kennengelernt und auch noch einmal am Jökulsarlon getroffen. Mein Defender verlor, wie Helmut feststellte, etwas Öl oder Diesel. Sofort lag Helmut unter meinem Wagen und lokalisierte die lockere Ablassschraube am Dieselfilter als Übeltäter. Danke Helmut!

 Island 2013 war eine beeindruckende Reise mit außergewöhnlichen Erlebnissen. Zugleich hat diese Reise aber auch wieder einmal deutlich gemacht, dass die Reiseplanung dem vorherrschenden Wetter angepasst werden muss.

Island, ich komme wieder!

 Noch ein Gruß an Axel, den ich ebenfalls auf der Norröna kennengelernt habe. Viel Spaß bei deinem Job als Koch in Reykjavik!! Und sonst sowieso…

 April 2013, Jörg Winterfeldt

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